Unser Beitrag zu einer Pastoral der Berufung in heutiger Zeit

"Ach so, Sie sind ein Rekrutierungszentrum?“ fragte ein interessierter Gast, als er erfuhr, wir seien ein Raum der Ordensgemeinschaften, der Berufung ins Zentrum stellt. Unsere Antwort war eindeutig: „Nein. Das funktioniert nicht und das wollen wir auch nicht.“ Die Wege in eine Ordensgemeinschaft sind, wie Biographien in unserer pluralen mobilen Gesellschaft überhaupt, ungemein individuell geworden.

Geplante Angebote, die auf den Eintritt von Mitgliedern in eine Ordensgemeinschaft abzielen, finden keine Zielgruppe. Berufungspastoral heute muss ein Interesse an der konkreten Lebensgeschichte und den Entscheidungen des Einzelnen haben. Begegnung ermöglichen und ins geistliche Leben einführen sind dabei zwei zukunftsversprechende Antworten.

Gemeinschaft, in der Berufung wächst

Christoph Theobald macht unter dem Stichwort „Zeugender Pastoral“ deutlich, dass eine Berufungspastoral nicht unabhängig sein kann von dem sonstigen pastoralen Geschehen. Es braucht Räume und Gemeinschaften, in denen Menschen mit Gott bekannt werden, ermutigt werden, sich mit ihrem Leben im Vertrauen auf Jesus zu investieren und mit ihren spezifischen Charismen erkannt und gefördert werden. Dass Menschen die Möglichkeit haben, sich als Teil einer Gemeinschaft zu verstehen, das ist uns als berufungspastoraler Weg wichtig geworden. Die Orden schaffen in vielfältiger Weise Orte, Zeiten und Begleitungen, in denen dies geschieht: Berufungs- und Ordensjahr, Exerzitien und Workshops, Gebets- und Glaubensgruppen. Der Ursprung des Quo vadis? als Informationsort bleibt aktuell und bekommt online neue Formen. Dabei ist unser Anspruch auskunftsfähig zu sein, aber auch für diese Angebote zu werben.
Das Quo vadis? selbst kann nur Fährschiff sein, durch das Suchende einen Zugang zu Gemeinden und Gemeinschaften finden, in denen sich ihr christliches Leben entfalten. Ich benutze bewusst nicht die vertraute Metapher von der Brücke, weil die Fähre mehr ins Bild bringt: Dieser Übergang beinhaltet auch Begleitung und Beziehung, was wir als Gesprächsort und mit unseren Weggemeinschaftsgruppen, wie dem Community-Abend, bei Pilger- oder Bibelrunden, bei den Gruppentreffen junger Erwachsener…. auch anbieten. Die große Chance für diesen Dienst ist jedenfalls unsere niedrigschwellige Präsenz im Zentrum von Wien.

Impulse für eine christliche Lebensentscheidung

In dieser zentralen Lage liegt die Chance des Quo vadis?, einen Beitrag zur Berufungspastoral zu leisten: als Impulsgeber die Frage nach der Berufung präsent zu halten und ins Zentrum zu rücken. Dies geschieht auf drei Ebenen, die sich in unserem Programm und unseren Beiträgen abbilden. Die Orden sind darin weniger die Profiteure potenzieller Kandidaturen, als dass sie im Quo vadis? den Menschen die Expertise ihrer Traditionen und die Ressourcen ihrer Referent*innen schenken.

1. Ebene: Das geistliche Leben kultivieren

Das Konzept einer christlichen Berufung baut jedenfalls auf einer persönlichen Gottesbeziehung auf. Sie umfasst das Gebetsleben und das Glaubenswissen ebenso wie die Lebensgestaltung. Mit unseren spirituellen Angeboten und ethischen Fragestellungen will unser Programm Anstöße für eine Vertiefung des geistlichen Lebens geben. So gibt die Veranstaltungsreihe „Lehre uns beten“ Einblick in unterschiedliche Gebetsformen.

2. Ebene: Die Frage nach der persönlichen Lebensgestaltung wachhalten

Im Quo vadis? geben wir für Lebens- und Richtungsentscheidungen Handwerkzeug aus der Erfahrung der Orden - das beginnt im Einzelgespräch und manchem Mittagsgebet, und reicht über Literaturempfehlungen zu Entscheidungsworkshops und Exerzitien. Indem wir Berufungsgeschichten von Ordensmenschen erzählen, halten wir die Möglichkeit bewusst, das eigene Leben für eine solche Entscheidung zu prüfen.

3. Ebene: Die Orden präsent machen

Unsere Erfahrung ist, dass es wenig Wissen über die Ordenswelt bei unseren Gästen gibt. Unser Ort und unser Programm erzählen von der Alltagswelt, den Anliegen und Besonderheiten der verschiedenen Orden und tragen dazu bei,
dass sie mit ihren Botschaften Teil des kulturellen Bewusstseins bleiben. Ein wichtiger Faktor hierfür sind die Möglichkeiten, die wir schaffen, im Quo vadis? viele unterschiedliche Ordensmenschen begegnen und erleben zu können.

Nein, wir sind kein Rekrutierungszentrum. Eher ein Reisebüro, indem wir die Lust auf die Reise wecken, Ziele bekannt machen und Wege aufzeigen.


Dieser Beitrag stammt von Veronica Ilse, Referentin für Spiritualitäts- und Orientierungsveranstaltungen im Quo vadis.
Weitere Beiträge zur 10-Jahres-Feier finden Sie hier! 

Titelbild 10 Jahre Broschüre 

Die Jubiläumsschrift "10 Jahre Begegnung und Berufung im Zentrum" wurde bei dem Geburtstagsfest des Quo vadis? im Februar präsentiert und ist kostenlos dort erhältlich. Sie beschreibt die Anfänge, die Veränderung, gibt Einblicke in die Konzepte und Erfahrungen und beschreibt die Hintergründe. P. Jakob Deibl OSB und P. Michael Bordt SJ haben Gastbeiträge zur Berufungs- und Citypastoral geschrieben.