Lesetipp: Die persönliche Berufung

Geistvolle Bücher sind wie geistliche Begleiter: Sie helfen, mich selbst zu verstehen, geben Impulse für den nächsten Schritt und bestärken mich, diesem großen Gott und Seinem Weg mit mir auch am heutigen Tag zu vertrauen. Die nächsten Wochen möchten wir Ihnen an dieser Stelle fortschreibend einige Literaturhinweise geben, die der Sehnsucht nach einem spirituellen Leben und der Suche nach der persönlichen Berufung solche Begleiter sind.

Die persönliche Berufung, Herbert Alphonso
Die Kunst, unserer Sehnsucht zu folgen, Michael Bordt
Wir kommen, wohin wir schauen, Josef Maureder

Einen außergewöhnlichen Zugang zur Berufung vermittelt der indische Jesuit P. Herbert Alphonso in seinem Buch: Die persönliche Berufung. Tiefgreifende Umwandlung durch die geistlichen Übungen, 2019. 

Die persönliche Berufung

Ausgehend von seiner eigenen Erfahrung ist der Autor überzeugt, dass jeder Mensch ein ganz individuelles Wort von Gott zugesprochen bekommen hat, in dem sich sein oder ihr Wesen ausdrückt. Von dieser einmaligen Berufung her werden alle Entscheidungen und Tätigkeiten sinnstiftend und richtig: „Nur, wenn ich den gottgeschenkten Sinn […] lebe, nur dann bin ich wirklich lebendig.“ (S.58)

persönliche Berufung CoverWährend es verschiedene Lebensformen und Aufträge gibt, ist die persönliche Berufung einmalig. Sie liegt „auf der Ebene des Seins“ (S.38) und integriert alle andern Lebensstränge. Sie zieht sich auch im Rückblick wie ein roter Faden konstant durch das Leben und entfaltete sich immer neu. Mit ihr lebt jeder „eine Facette der Persönlichkeit Jesu Christi“ (35). Sie korrespondiert mit dem persönlichen Zugang zur göttlichen Wirklichkeit.

Das eigene Berufungswort zu kennen, ermöglicht eine Umwandlung des Lebens zur Hingabe und tiefen Gottesbeziehung. Aus der inneren Verbindung mit diesem Wort formt sich das eigene Leben und Arbeiten. Es wird zum Prüfstein aller Entscheidungen.

Das einmalige Wort

Leider nennt P. Alphonso nicht seine eigene persönliche Berufung, bringt aber Beispiele aus seiner Begleitung und vertritt, dass die persönliche Berufung des Ignatius „Alles zur größeren Ehre Gottes“ hieß und auch Jesus ein solches einmaliges Berufungswort hatte: „Abba-Vater“.

P. Alphonsos origineller Ansatz kann als eine Ausformulierung von Romano Guardinis Gedicht „Aus einem Traum“ gelesen werden, das die Herausgeberin der dt. Ausgabe im Vorwort zitiert. Seine Überlegungen sind ganz verbunden mit der ignatianischen Spiritualität: den Exerzitien, dem Tagesrückblick und der Unterscheidung der Geister. Eine Auseinandersetzung mit ihm lohnt sich m.E. auch dann, wenn sich das eigene Berufungswort nicht so eindeutig dauerhaft zeigt, wie in der Erfahrung des Autors. Sie hilft Gottes Beziehung zu meiner ganz individuellen Person mehr wahrzunehmen.

Der Ansatz hat ebenso Ähnlichkeiten mit einem wichtigen Element der Straßenexerzitien nach Christian Herwartz SJ. Die Teilnehmer/innen entdecken ihren persönlichen Gottesnamen. Sie finden ihn in der Wahrnehmung von Schmerzpunkten und Mangelerfahrungen. Der persönliche Gottesname ist die Antwort auf die dahinterliegende Sehnsucht.

Aus einem Traum

Heute Nacht, aber es war wohl morgens,
wenn die Träume kommen,
dann kam auch zu mir einer.
Was darin geschah, weiß ich nicht mehr,
aber es wurde etwas gesagt,
ob zu mir oder von mir selbst,
auch das weiß ich nicht mehr.
Es wurde also gesagt,
wenn ein Mensch geboren wird,
wird ihm ein Wort mitgegeben,
und es war wichtig, was gemeint war:
Nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort.
Das wird hineingesprochen in sein Wesen,
und es ist wie ein Passwort zu allem,
was geschieht.
Es ist Kraft und Schwäche zugleich.
Es ist Auftrag und Verheißung.
Es ist Schutz und Gefährdung.
Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht,
ist Auswirkung des Wortes,
ist Erläuterung und Erfüllung.
Und es kommt darauf an,
dass der, dem es zugesprochen wird,
- jeder Mensch,
denn jedem wird eines zugesprochen –
es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt.
Und vielleicht wird dieses Wort
die Unterlage sein zu dem,
was der Richter einmal zu ihm sprechen wird.

​(Romano Guardini, 1. August 1964)


Kennen Sie die Sehnsucht nach einem spirituellen Leben? „Menschen, die nach [Spiritualität] suchen, habe die Hoffnung, vielleicht auch schon die Ahnung, dass sie sich selbst, anderen Menschen und, ja, die ganze Wirklichkeit anders erleben können.“ (S.18) definiert der Jesuit und Professor für Philosophie P. Michael Bordt SJ in seinem neusten Buch: Die Kunst, unserer Sehnsucht zu folgen. Spiritualität in Zeiten des Umbruchs, 2020.

Die Kunst, unserer Sehnsucht zu folgen

Der geistliche Begleiter bietet Handwerkszeug für einen spirituellen Weg in unserer gegenwärtigen Zeit und benennt aktuelle gesellschaftliche Haltungen, die diesen erschweren: der Druck der Leistungsgesellschaft, die keine echte Schwäche zulässt, die Polarisierung der Meinungen, deren permanente Bewertungen auch unser Innenleben tyrannisieren und die Befürchtung das Leben würde schwierig und kompliziert, wenn man die eigene Sehnsucht entdeckt und zulässt. Der Autor hilf mit einer ersten fundamentalen Unterscheidung: „Die wertfreie Wahrnehmung unseres Innenlebens bedeutet nicht, dass das, etwas uns dabei begegnet, auch in äußere Handlungen umgesetzt werden kann. […] Die Gesetzmäßigkeiten, für einen gelungenen Umgang mit unserem Innenleben gelten keinesfalls für unser äußeres Leben – ebenso wenig wie umgekehrt.“ (S.29)

Das Buch handelt von der praktischen Seite von Spiritualität, von den Übungswegen die sich in unterschiedlichen Religionen ähneln und auch unabhängig von religiösen Bekenntnissen gesucht werden. Während der Jesuit seinen religiösen Hintergrund offenleget und auf christliche Texte zurückgreift, zeigt er ebenso die Parallele zu anderen religiösen Traditionen auf, wenn er beispielsweise den islamischen Mystiker Rumi zitiert und wiederholt auf die Praxis von Yoga verweist.

Bordt CoverVerbundenheit und umfassende Liebe

Entlang des Platonischen Dialoges „Symposion“ geht der Philosoph dem Wesen der Sehnsucht nach, sowie ihrer Erfüllung.  Der Autor bringt seine Erfahrung aus der Begleitung von Meditationskursen, besonders auch für Führungskräfte großer Firmen und Familienunternehmen, ebenso ein, wie naturwissenschaftliche Recherchen zur Wirkung von Meditation. Anhand der Übung der Wahrnehmung des Atems führt er die Wirkungen aus, die die Übenden erwarten dürfen: „Herr oder Herrin der eigenen Aufmerksamkeit zu sein“ (S.62) ist dabei ein Zwischenziel; der Weg kann weitergehen ein „,contemplativus‘ oder eine ,contemplativa in actione‘ zu werden“, die lateinische Formulierung der Kirche dafür, „in allem was man tut, auch mit sich selbst [und mit Gott] verbunden zu sein.“ (S.65) Es führt zur Erfahrung, dass wir, christlich gesprochen, „eine ewige Geborgenheit bei Gott“ (S.121) haben.

In einer erfrischend nicht-kirchlichen Sprache stellt P. Bordt höflich und pointiert sein Wissen zur Verfügung um den inneren Schritt zu unterstützen, der von einer spirituellen Praxis, die Selbstoptimierung und Wohlbefinden sucht, zu einem Weg, der immer mehr zur eigenen Identität und zur Erfahrung von Liebe und Verbundenheit führt:

„Eine solche Haltung der Selbstwahrnehmung bleibt ein lebenslanges Abenteuer, aber ich möchte Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, die Furcht davor nehmen. Es mag kurze Phasen geben, in denen eine spirituelle Suche, die uns in unser inneres Leben führt, unangenehm ist und wehtut. Sei es, weil wir die Verletzungen, die wir in uns tragen stärker spüren, oder weil uns deutlich wird, wie wenig unser äußeres Leben unserer Sehnsucht nach Sinn und Bedeutung entgegenkommt. Aber umso großartiger ist es dann, dem inneren Drängen nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein, sondern souverän entscheiden zu können, was wir in unserem äußeren Leben daraus machen – und was eben nicht.“ (S.31)

Eine Vertiefung im befreienden Umgang mit den eigenen Emotionen aus der Schule der Philosophie veröffentlichte Michael Bordt SJ in: Die Kunst sich selbst auszuhalten. Ein Weg zur inneren Freiheit, 2013.



Den Anfang soll ein Buch machen, das seit seiner Erstauflage 2004 ein Klassiker der Berufungsliteratur geworden ist: Josef Maureder. Wir kommen, wohin wir schauen. Berufung leben heute, 4­­2007.

Wir kommen, wohin wir schauen

In einem erzählenden Stil sammelt und systematisiert der Autor seine Erfahrungen aus der Begleitung junger Erwachsener und der Leitung von „Haus Manresa“, einem Ort der Berufungsklärung. Das Buch richtet sich an Suchende ebenso, wie an Verantwortliche der Berufungspastoral. Der Autor unterscheidet verschiedene Berufungsbegriffe und legt den Fokus „Geistliche Berufung im weiteren Sinn: Alle, die entschiedene Nachfolge Jesu leben im Dienst an den Menschen (im Gebet und im Tun).“ (S. 93) Entsprechend der spirituellen Tradition seines Ordens geht der Jesuit davon aus, dass Gott mit jedem Menschen im Gespräch sein will und die Suchenden persönlich zu einem Leben in Fülle führt. 

Maureder CoverDer dreifache Klang

Ein Kernstück des Buches ist das Modell des dreifachen Klanges, in dem der individuelle Anruf Gottes erkennbar wird: „Gottes Stimme, die dich zum Leben führen will, hat nämlich einen dreifachen Klang: deine persönliche Natur […], was du kannst, ist der tragende Klang; deine Sehnsucht […], was du möchtest, ist der bewegende Klang; das berührt werden von objektiven Stimmen […], was du sollst, ist der beunruhigende und lockende Klang der einen Stimme Gottes. Wenn dieser dreifache Klang in Einklang kommt, dann zeigt sich der rechte Weg.“ (S. 34)  Die Ausführung dieses Modelles, die Benennung  hilfreicher und hinderlicher Haltungen, Gottes- und Selbstbilder sowie kritische Anfragen an Orden und Kirche geben Orientierung bei der eigenen Suche.

Persönliches Zeugnis

Ein besonderes Geschenk des Buches ist das letzte Kapitel, in dem Josef Maureder unter den Stichworten: Bekehrung zu Jesus Christus, Bekehrung zur Freiheit, Bekehrung des Herzens die „Meilensteine“ des eigenen geistlichen Weges skizziert. Es schreibt vom Blick Jesu, von der Erfahrung lebensbedrohender Krankheit und der wachsenden Heimat im Orden. Darin teilt er auch eine Übung, die er im Krankenbett begann: „Ich habe Menschen betrachtet, nicht wissend wollend, sondern schauend und staunend. Ja, ich habe ganz einfach das Wunder werdenden und gelebten menschlichen Daseins betrachtet, die Schönheit von Freundschaft und Partnerschaft, und habe mich über die Tiefe und die unverwechselbare Eigenart der Menschen gefreut.“ (S.121)

Begründet in diesem persönlichen Weg und dem liebenden Blick auf das Leben, lässt sich „Wir kommen, wohin wir schauen“ als eine Werbeschrift lesen „seinen Alltag in Freundschaft mit Christus zu gestalten und sein Leben in dieser Welt als großherzige Antwort auf das das liebende Tun Gottes [zu verstehen].“ (S. 15) Wie Illustrationen wird dieses Motiv durch das Buch hindurch von Gedichten des kl. Bruders Jesu Andreas Knapp begleitet:

Bekehrung
Nicht mehr rotieren
    um den eigenen Bauchnabel
  kopernikanische Wende
   Ego-Dezentralisierung
mich gänzlich überlassen
    der Anziehungskraft deiner Liebe
  im Blick auf dich
    finde ich meine Bahn
nicht vor dem Spiegel bleiben
    mich einfach umdrehen
  die große Wende
    du stehst hinter mir
Andreas Knapp, in: Josef Maureder. Wir kommen, wohin wir schauen. Berufung leben heute, 4­­2007 S.29

P. Josef Maureder SJ war inzwischen Novizenmeister und leitet nun den Bereich Spiritualität und Exerzitien im Kardinal König Haus, Wien. Auch aktuell haben die deutschsprachigen Jesuiten Orte zur Berufungsklärung in Innsbruck und in Frankfurt am Main.

Im Rahmen der Reihe Lehre uns beten kommt P. Josef Maureder am 27.Mai 2021 zu einem Abend zum Sakrament der Versöhnung in das Quo vadis?: Ernst machen mit Gott. Barmherzigkeit erfahren. Ein theologischer Impuls zur Bussakrament mit Hinweisen zur Beichtvorbereitung.

Veronica Ilse