Berufungsg'schichten: Mit der inneren Stimmgabel schwingen

Im Quo vadis? interessieren wir uns für die Berufung jedes Menschen: Wie gelingt mein Leben und was hat das mit Gott zu tun? Auf dieser Suche lassen wir uns von Ordensleuten erzählen, wie sie ihre Berufung gefunden haben und wie sie sie leben: Berufungsg'schichten.
Fr. Ewald Nathanael Donhoffer OPræm, geboren 1977 in Wien, ausgebildeter Dirigent, Cembalist und Organist, trat 2016 in das Prämonstratenserstift Schlägl im Mühlviertel ein. Er schreibt uns seine kritische Sicht auf das Wort Berufung und über den langen, scheinbar abgerissenen und dennoch konsistenten Weg zu seiner Entscheidung:

Menschliche Vorbilder

Der Gedanke, Ordensmann zu werden beschäftigte mich relativ früh. „Schuld“ war mein Schul­seel­sorger, der Trinitarier P. Quirin de Leeuw, der mich sehr beeindruckt hat. Er war einfach für alle da: Kinder, Erwachsene, Flüchtlinge, Arme, Ausgegrenzte – ja sogar Tiere. Alle schienen Platz zu haben unter dem Mantel seiner Fröhlichkeit! Oft denke ich: was würde Quirin jetzt sagen? Als knapp 10-jähriger wollte ich unbedingt so werden wie er; dieser Wunsch war stärker als viele andere kindliche Berufswünsche.
Am Firmwochende in Heiligenkreuz lernte ich dann das Chorgebet kennen, das mich sehr be­rührt hat; ein Entschluss war – zumindest innerlich – sehr schnell gefasst: nach der Matura Orgel studieren und eine Orgelbaulehre machen und ins Kloster gehen.
Ab 1995 studierte ich in Wien, zur selben Zeit, als die verhängnisvolle Groer-Krise begann. Sie traf mich mit voller Wucht: Ende der 90er war ich – auch durch schmerzliche Erfahrungen im Bereich der Kirchenmusik – „fertig“ mit dieser Kirche: Abgesehen von den Verfehlungen selbst, schockierte mich die Haltung der Kirche (aber auch der Gesellschaft!) zutiefst.
In meiner musikalischen Ausbildung gab es eine Wende: Ab 2000 studierte ich Orches­ter­dirigieren in Wien, was dann bis vor wenigen Jahren mein „Brotberuf“ war.

„Egrede si potes“

Meine tiefe Überzeugung des Geschehens der Auferstehung hat mich dabei nie verlassen. Auch durfte ich im Lauf der Zeit immer wieder großartige Ordensleute kennenlernen, die wohl sehr viel dazu beigetragen haben, einen letz­ten Funken Hoffnung nie erlöschen zu lassen! So habe ich trotz allem den finalen Schritt des Kirchenaustritts nie getan. Kirche und Ordensleben blieben im Hintergrund, wie eine etwas merkwürdige Saite, die hin und wieder zu schwingen begann.

Eine Saite in Schwingung. Berufung?

Berufung ist für mich ein schwieriges Wort: spirituell überhöht und miß­braucht, sind Narzissmus und Egomanie die Folgen… Wenn aber ein Berufungs­erleb­nis ein Erlebnis ist, bei dem man bisheriges in neuen Zusammenhängen, in neuem Licht sieht, dann hat mich wohl 2013 ein solches Erlebnis schlußendlich bis nach Schlägl geführt.
Aber: das Leben so völlig verändern? Bin ich verrückt? Aber die erwähnte Saite erklang damals besonders laut und hartnäckig. Ich beschloss, zumindest mehr auf sie hören, mich auf sie einzustimmen.
Ein Lehrauftrag an der Musikuniversität gab mir ein wenig „Seßhaftigkeit“ um diesem Geschehen Raum geben zu können. Und so lernte ich in Graz im Rahmen des Theologiestudiums einen jetzigen Mitbruder kennen, der mich spontan nach Schlägl einlud, was ich gerne annahm. Schlußendlich begann ich im August 2016 mein Noviziat als Prämonstratenser von Schlägl und setze meine Studien seit 2017 an der KU Linz fort.

Sich neu erfinden – sich neu ausrichten?

Einwände und Fragezeichen gab es genug, von innen wie von außen: Ist es die richtige Gemeinschaft? Hab‘ ich mir das alles auch gründlich genug überlegt? Sollte ich nicht, wie ich es eigentlich vorhatte, zuerst noch andere Gemeinschaften kennenlernen? Aber ich dachte auch: Jetzt oder gar nicht. Ich war bereit, mich Mitte 30 neu zu erfinden (besser: erfinden zu lassen!). Aber Mitte 50? Die Grazer Musikuniversität gewährte mir ein unbezahltes Karenzjahr – was hatte ich also zu verlieren? Und: Was über 20 Jahre Wunsch, ja Desiderat im eigenen Denken war: sollte man dem nicht endlich Raum geben?
Und: Äußerlich betrachtet konnte ich den „Bruch“ mit dem bisherigen Leben sehr stark wahrnehmen, während ich innerlich bis heute, durch alle (auch heftigen) Krisen, fast so etwas wie eine logische Konsequenz und Kontinuität wahrnehme.
Meine Stimmungslage schwankte in diesen Jahren ständig zwischen „ich bin vollkommen verrückt, das geht alles nicht“ sowie großer Freude und Dankbarkeit.
Und ich machte eine eigenartige Erfahrung: Je weiter außerhalb von kirchlichen Kontexten sich Menschen aus meinem Freundeskreis befanden, desto positiver war ihre Reaktion auf meinen Schritt ins Ordensleben.

Der ewige Ur- und Seinsgrund als Stimmgabel

Richard Rohr schreibt, daß man im geistlichen Leben nichts anderes tun kann, „als sich darauf einzustimmen, die immer anwesende Botschaft zu empfangen.“[1] – Sowohl als Cembalist, Organist als auch als Dirigent liegt vor allen Proben und Konzerten immer das Stimmen der Instrumente. Mit Gott ist es irgendwie umgekehrt: nicht die resonierende Saite muß gestimmt werden, sondern ICH fühle mich herausgefordert, mich zu dieser Saite, dieser „inneren Stimmgabel“ (R. Rohr) dazu zu stimmen, ein Leben lang immer wieder neu und – hoffentlich! – immer feiner…

[1] Rohr, Richard: „Pure Präsenz. Sehen lernen wie die Mystiker“. München: Claudius 82019, 119

 

Ewald Donhofer M

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